Warum AI-native Kanzleien jetzt entstehen: Unsere Keynote beim LTC Jahresevent 2026
Beim LTC Jahresevent am 28.10.2026 haben Alexander Laprell (Managing Director) und Moritz Krüsselmann (Director Legal & GovTech) eine Keynote zu einem Thema gehalten, das die Legal-Tech-Debatte der vergangenen zwölf Monate geprägt hat: AI-native Kanzleien.
Beim LTC Jahresevent am 28.10.2026 haben Alexander Laprell (Managing Director) und Moritz Krüsselmann (Director Legal & GovTech) eine Keynote zu einem Thema gehalten, das die Legal-Tech-Debatte der vergangenen zwölf Monate geprägt hat: AI-native Kanzleien.
Unter dem Titel „AI First, Lawyer Second?“ ging es um drei Fragen: Warum entstehen diese Kanzleien gerade jetzt? Was unterscheidet sie vom klassischen Kanzleimodell? Und was ist noch ungeklärt? Hier fassen wir die wichtigsten Punkte zusammen. Die vollständige Präsentation steht am Ende des Beitrags zum Download bereit.

Warum um 3 Cent streiten, wenn 97 Cent zu holen sind?
Ausgangspunkt war ein einfacher Vergleich. Der weltweite Markt für Rechtsdienstleistungen umfasst rund 1.000 Mrd. USD, der gesamte Legal-Tech-Markt lag 2025 bei rund 33 Mrd. USD. Von jedem Dollar, der weltweit für Rechtsberatung ausgegeben wird, gehen also etwa 97 Cent an Kanzleien und Rechtsabteilungen und rund 3 Cent an Legal-Tech-Anbieter. Harvey und Legora kommen zusammen auf 0,06 Cent.
AI-native Kanzleien zielen auf den größeren Anteil: Sie verkaufen die Rechtsdienstleistung selbst, und KI steht im Zentrum ihrer Erbringung. Investor:innen haben das erkannt. Sequoia Capital bringt die These so auf den Punkt: „The next $1T company will be a software company masquerading as a services firm.“ In den USA hat Norm AI (mit der Kanzlei Norm Law LLP) in einer Series C 120 Mio. USD eingesammelt, Crosby in einer Series B 60 Mio. USD. In Europa ziehen erste Kanzleien nach, darunter Garfield Law in Großbritannien und Clayfield in Deutschland.

Rechtsberatung wird skalierbar
Warum gerade jetzt? Die Keynote nannte drei Entwicklungen:
- Wachstum ohne proportional mehr Personal: Im klassischen Modell hieß mehr Arbeit mehr Anwält:innen, und der einzige Hebel war das Verhältnis von Partner:innen zu Associates. Mit KI kann der Umsatz wachsen, während die Kosten deutlich langsamer steigen.
- Jede Modellverbesserung ist eine Kanzleiverbesserung: Bei rund 0,50 USD pro Million Tokens erreichte das beste verfügbare Modell im November 2025 einen Wert von 19 im Intelligence Index von Artificial Analysis. Im Oktober 2026 waren es 46. Wer ein KI-Tool verkauft, riskiert, vom nächsten Modell-Release überholt zu werden. Wer die Arbeit verkauft, wird mit jedem Release schneller und günstiger.
- Jeder Fall macht das System besser: Prozesswissen bleibt nicht mehr in den Köpfen einzelner Anwält:innen. Das System trennt mandatsbezogenes Wissen von allgemeinem Wissen, das stetig wächst.
Damit ändert sich, wie Rechtsberatung bepreist und erbracht wird. Statt Billable Hours rechnen AI-native Kanzleien pro Dokument, erfolgsbasiert oder über ein monatliches Fixum ab. Sie arbeiten in den Tools ihrer Mandant:innen, etwa in Slack statt per E-Mail. Auch das Fähigkeitsprofil von Anwält:innen verschiebt sich: Prompting wird immer weniger wichtig. Entscheidend wird, KI-Output einzuschätzen, ohne die Arbeit noch einmal selbst zu machen, und eigene Workflows zu bauen.

Hürden in Deutschland und offene Fragen
In Deutschland prägen zwei Regeln das Modell. Nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) dürfen nur Berufsträger:innen rechtlich beraten, und das Fremdbesitzverbot hält externe Investor:innen aus Kanzleien heraus. Der EuGH hat bestätigt, dass das Fremdbesitzverbot mit dem Europarecht vereinbar ist. Ein in der Keynote diskutierter Ansatz ist eine eigenständige TechCo neben der Kanzlei: Sie hält IP, Marke und Infrastruktur, kann Investor:innen aufnehmen und ihre Technologie an andere Kanzleien lizenzieren.
Viele Fragen sind noch offen. Wer haftet, wenn die KI irrt? Werden Rechtsabteilungen zu internen AI Law Firms? Hat das RVG noch Bestand, wenn KI den Großteil der Arbeit übernimmt? Und ist man „conflicted“, wenn beide Seiten dieselbe KI nutzen?
Die Präsentation zum Download
Danke an alle, die im Munich Urban Colab dabei waren und diese Fragen mit uns noch lange nach der Keynote diskutiert haben. Wir werden weiter verfolgen, wie sich AI-native Rechtsdienstleistungen in Deutschland und Europa entwickeln.